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Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ)

Die RNZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 21./.22. April 2012 über die positiven Auswirkungen von körperlicher Aktivität:

Jeder Schritt zählt

Wir sitzen zu viel. Schon eine Viertelstunde Bewegung am Tag sei in der Lage, unsere Lebenserwartung um drei Jahre zu verlängern. Moderate Bewegung und Sport gelten gemeinhin als gesund, aber ist das wirklich so? Ja, sagen die Wissenschaftler, jede körperliche Aktivität ist besser als keine. Warum und in welchem Maße das zutrifft, zeigen aktuelle Studien. RNZ-Autorin Margit Mertens hat recherchiert.

Die Olympischen Spiele in London und die Fußball-EM in Polen und der Ukraine versprechen spannende TV-Unterhaltung. Doch nur selber laufen hält fit. Der Gang vom Fernseher zum Kühlschrank zählt nicht dazu.

Obwohl zahlreiche Studien belegen, dass regelmäßige Bewegung die Gesundheit fördert und das Leben verlängert, ist der genaue Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung bisher nur in Ansätzen geklärt. Günther Samitz, Bewegungswissenschaftler an der Universität Wien, hat diesen Effekt letzten Herbst anhand einer Übersichts-Studie mit mehr als 1,3 Millionen Teilnehmern in 80 Studien untersucht. Sein Fazit: „Jede körperliche Aktivität ist besser als keine. Selbst banale Alltagsaktivitäten bewirken einen Überlebensvorteil.“ Bei intensiverem Ausdauertraining und Sport sinkt das Sterberisiko sogar um 39 Prozent.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung in der Woche zum Schutz vor chronischen Krankheiten und vorzeitigem Tod. Dazu zählen körperliche Aktivität in Beruf, Alltag und Freizeit. Samitz hat nun untersucht, in welchem Maße diese Mindestempfehlung wirkt. Die herangezogenen Studien aus Europa, Nordamerika und Asien begleiteten die Teilnehmer im Schnitt elf Jahre lang.

Nur etwa ein Drittel der erwachsenen Europäer erfüllt die Mindestvorgabe der WHO, so Samitz Ergebnis, obwohl die höhere körperliche Aktivität mit einem geringeren Gesamtsterberisiko einhergehe. Dieser Zusammenhang ist für körperliche Freizeit- und Alltagsaktivitäten jedoch größer als für berufsbezogene Bewegung und bei Frauen stärker als bei Männern. „Frauen und Personen höheren Lebensalters profitierten selbst von mäßig intensiven Alltagsaktivitäten, etwa Haushalts- oder Gartenarbeit und Besorgungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad“, erklärt Samitz. Warum der Gesundheitseffekt bei Frauen größer ist als bei Männern, ist derzeit noch nicht geklärt.

„Bei mäßig intensiven Freizeitaktivitäten wie Nordic Walking, Tanzen, Radfahren und Wandern betrug die Risikoreduktion bereits sechs Prozent und bei intensiverem Ausdauertraining oder Sport, etwa Laufen, Tennis und Ballsportarten, sogar neun Prozent“, sagt der Bewegungsexperte. Und bei 300 Minuten moderater Bewegung lag die Risikoreduktion schon bei 19 Prozent. Aber selbst unterhalb der WHO-Mindestempfehlung war noch ein deutlicher Gesundheitsnutzen zu beobachten. „Jede körperliche Aktivität ist also besser als keine und selbst banale Alltagsaktivitäten bewirken einen Überlebensvorteil. Mehr und intensivere Bewegung bringen aber einen höheren Gesundheitsnutzen“, resümiert Samitz.

Ende des Jahres stellte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine Untersuchung aus Taiwan vor, die belegt, dass schon eine Viertelstunde Bewegung am Tag die Lebenserwartung um drei Jahre verlängern kann. „Diese neueren Daten sind auch für weniger willensstarke Menschen eine gute Nachricht“, kommentiert das Ergebnis Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie der Uni Essen und Mitglied der DGN. „Wer sich aufrafft, wird belohnt – und senkt damit sein Risiko sowohl für einen Schlaganfall, als auch für Herzkrankheiten, Krebs und Diabetes.“

Für die Untersuchung wurden zwölf Jahre lang mehr als 400 000 Frauen und Männer bei jährlichen Reihenuntersuchungen nach Dauer und Intensität ihrer körperlichen Freizeit-Aktivität befragt. Anschließend teilte man die Studienteilnehmer anhand dieser Angaben in fünf Gruppen von inaktiv bis sehr hohe Aktivität ein und verglich ihren Gesundheitszustand. Das Ergebnis: Schon die Lebenserwartung der mäßig aktiven Gruppe mit durchschnittlich 92 Minuten Bewegung pro Woche oder knapp 15 Minuten am Tag lag gegenüber den trägen Probanden um drei Jahre höher. Als die Wissenschaftler die Daten nach Todesursachen aufschlüsselten, konnten sie zeigen, dass bereits das Mindestmaß an Bewegung von einer Viertelstunde täglich mit einer verringerten Wahrscheinlichkeit für Krebs (minus 10 Prozent), Gefäßerkrankungen (minus 19 Prozent), Herzleiden (minus 25 Prozent), Schlaganfälle (minus 12 Prozent) und Diabetes (minus 11 Prozent) einherging.

Klar wurde in dieser Studie zudem, dass die Lebenserwartung weiter steigt, je mehr man sich bewegt. „Bemerkenswert ist auch, dass dieser Nutzen sich über alle untersuchten Gruppen erstreckte“, hebt Diener hervor: „Männer profitierten von 15 Minuten Bewegung täglich ebenso wie Frauen, Jüngere wie Ältere, und Gesunde ebenso wie Kranke, Übergewichtige, Raucher, Trinker oder Menschen mit einem erhöhten Risiko für Gefäßleiden“, erläutert Diener. Diese Erkenntnisse seien „ein großer Anreiz, den inneren Schweinhund‘ zu überwinden.“

Im Umkehrschluss gilt: Wer täglich elf Stunden oder mehr herumsitzt, steigert damit sein Sterberisiko um ganze 40 Prozent, berichteten Forscher der Universität Sydney Ende März. Studienleiter Hidde van der Ploeg hat die tägliche Sitzzeit von über 220.000 Menschen mit deren Sterberaten verglichen. Besonders das Herz ist in Gefahr: Nach Erkenntnissen britischer Kardiologen hemmt langes Sitzen Enzyme, die Cholesterin oder Blutfette abbauen.

„Jeder Schritt zählt“, rät auch der Direktor des Instituts für Sportmedizin der Uni Münster Klaus Völker vor allem Diabetikern. „Müßiggang kann Diabetes-Folgen noch verstärken.“ In einer Ende Februar vorgestellten Studie untersuchte er 73 Diabetiker, von denen rund die Hälfte an einer sogenannten peripheren Neuropathie litt. Die Betroffenen spüren Kribbeln, Stechen oder Taubheit in den Füßen, da durch den erhöhten Blutzucker die Empfindungsnerven geschädigt werden. Dadurch kommt es auch zu Gleichgewichtsstörungen und somit erhöhter Sturzgefahr.

„Je schwerer ihre Symptome sind, desto inaktiver werden die Patienten“, hat Völker in seiner Untersuchung festgestellt. Den Grad der Nervenschädigung maßen die Forscher, in dem sie immer dünnere Nylonfäden gegen den Fuß drückten. Mit einer „Kraftmessplatte“ ermittelten sie die Gleichgewichtsstörung und mit einem Schrittzähler eine Woche lang die Alltagsaktivitäten. Das Ergebnis: „Die Patienten mit schwerer Neuropathie waren fast zwei Drittel des Tages völlig inaktiv“, berichtet Völker.

„Die Betroffenen sitzen zu viel. Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern zunächst einmal darum, die Bewegungsangebote, die der Alltag bietet zu nutzen.“ Also: öfter zu Fuß gehen und den Aufzug links liegen lassen. Die gemessenen 5000 Schritte am Tag seien zu wenig, betont der Experte. Zwischen 7500 und 10 000 sollten es auf jeden Fall sein. Völker empfiehlt Diabetikern darüber hinaus das Walken oder Schwimmen in einer Gruppe, aber auch ein moderates Krafttraining gehe in Ordnung. „Bewegung ist bekanntlich ein ideales Mittel, um Glukose im Blut abzubauen.“

Das Problem dabei: „Je weniger zufrieden Männer und Frauen mit ihrer Gesundheit sind, desto seltener treiben sie Sport oder beginnen damit, regelmäßig Sport zu treiben“, sagt die Heidelberger Soziologin Simone Becker. Das ist das Ergebnis ihrer im Herbst veröffentlichten Analyse von Daten des Sozio-ökonomischen Panels. Diese Unzufriedenheit steigt mit zunehmendem Alter.

Körperliche Aktivität kann ebenfalls nicht nur vor Krebs schützen, sondern auch während und nach einer Therapie die Heilung fördern. Bis vor wenigen Jahren galt Sport während der Krebsbehandlung als Tabu, neuere Studien zeigen jedoch, dass der „Ruheansatz“ überholt ist. So kommt eine Londoner Untersuchung des Macmillan-Cancer-Support zu dem Schluss, dass Bewegung die Nebenwirkungen der Behandlung verringern kann.

Das konnten auch die Mediziner des Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg im vergangenen Jahr bei 80 an Blutkrebs erkrankten Patienten zeigen. Bei der extrem belastenden Therapie erhalten die Kranken zunächst eine Hochdosis-Chemotherapie und dann die Transplantation von Stammzellen eines gesunden Spenders. Die Hälfte der Patienten absolvierte unter Anleitung zwei Mal pro Woche ein Sportprogramm an Geräten und bekam Trainingspläne für weitere Kraft- und Ausdauerübungen, die Kontrollgruppe hatte lediglich Zugang zu Sportgeräten.

Der körperliche und seelische Zustand der Patienten wurde mehrfach gemessen. Nach Abschluss der Studie, der bisher weltweit größten ihrer Art, konnte die Sportgruppe ihre Ausdauerleistung trotz der schwerwiegenden medizinischen Behandlung halten, während die Kontrollgruppe um 15 Prozent schwächer geworden war. Das Fatigue-Syndrom, ein schwerer Erschöpfungszustand, hatte sich am Ende der Studie im Vergleich zum Beginn bei den Sportlern um 15 Prozent verringert, bei den Unsportlichen um 28 Prozent erhöht. „Mit unserer Studie konnten wir zeigen, dass gezielte körperliche Aktivität, die bereits vor der eigentlichen Behandlung startet und auch danach weitergeführt wird, nicht nur das gefürchtete Fatigue-Syndrom abmildert, sondern auch die Lebensqualität und die Fitness der Patienten nachhaltig steigert“, fasst Sportwissenschaftler und -psychologe Joachim Wiskemann vom NCT zusammen.

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